Ist die Zeit irgendwann reif?

Sicherlich haben Sie auch schon einmal die Formulierung gehört, „die Zeit sei reif für eine Idee gewesen“. Klingt ja auch eingängig. Zu eingängig. Denn dieser Spruch sagt einiges darüber aus, was wir glauben, wie Innovation stattfindet. Voraussagbar nämlich. Und brav logisch aufeinanderfolgend. Wir glauben, dass das auch in Zukunft so weitergeht. Was wiederum unsere Zukunftssichten stark beeinflusst. Was schade ist, denn die Formulierung ist überwiegend Unsinn.

Zur Erklärung ein Bildchen:

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Eine Kugel liegt schön stabil unten in einer Schale. Schubst man sie ein bisschen, rollt sie ein wenig hin und her, um dann genau am vorherigen Ort wieder zur Ruhe zu kommen. Jetzt stellen wir uns vor, diese gelbe Kugel wäre eine Idee, eine Lösung, eine Methode, ein Ansatz in einer Umwelt. Ideen und Innovation sind überwiegend Lösungen für aktuelle Probleme der Umwelt. Auf was auch immer für einer Ebene. In unserem Bild funktioniert die Idee, die Lösung. Selbst wenn es in der Umwelt zu kleinen Erschütterungen kommt, die Lösung ist stabil.

Jetzt passiert etwas Fundamentales in der Umwelt, sei es in einer Gesellschaft, in einem Markt oder in der Natur. Plötzlich ist die Lösung die bisher so Klasse funktionierte gar nicht mehr so passend. Die Situation stellt sich eher dar wie im nächsten Bildchen:

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Die Lösung ist höchst instabil. Ein kleiner Schubs würde reichen und die gelbe Kugel würde haltlos ins Rollen kommen. D.h. die Lösung, der bisherige Ansatz funktioniert nicht mehr. Menschen müssen sich etwas Neues einfallen lassen, die Kugel rollt, Innovation tritt auf. Wird eine geniale, passende Lösung gefunden, wandelt sich das Bild wieder zu dem oben. Die neue Problemlösung schafft ein neues Gleichgewicht.

Und jetzt kommt das Entscheidende: in der Krise, wenn Lösungen nicht mehr funktionieren, benötigt die Kugel nur einen winzigen Schubs, um ins Rollen zu kommen. Und in welche Richtung dieser vielleicht völlig zufällige Schubs erfolgt, bestimmt, wo entlang die Kugel rollt. Es gibt Million von möglichen Wegen, aber sie wird nur in eine Richtung tatsächlich rollen. Und deshalb werden unzählige andere Möglichkeiten nicht realisiert, nur eine neue stabile Position wird erreicht und nicht alle anderen, die ebenfalls hätten eintreten können.

Das ergibt in vielen lebendigen Systemen das Prinzip der Pfadabhängigkeit. Weil einmal ein bestimmter Pfad eingeschlagen wurde, finden wir heute eine bestimmte Struktur. Nicht weil die so notwendigerweise sein müsste. Sie ist so entstanden und passte, stellte eine Lösung dar. Deswegen ist es so schwierig, manche Ökosysteme wieder zu rekonstruieren, weil an jedem Schritt der Entwicklung dieselben Pfade genommen werden müssten, wie sie „historisch“ eingetreten sind. Aber an mancher Stelle rollt in einer neuen Situation die Kugel eben diesmal in eine andere Richtung. Neue Wege, neue Möglichkeiten entstehen.

Zurück zu unserem Spruch, die Zeit sei reif für eine Idee gewesen. Das suggeriert, dass genau diese Idee, diese Lösung irgendwann das Licht der Welt erblicken musste. Hätte nicht diese Person sie gefunden, wäre es ein anderer gewesen. Da steckt ein Hauch von Schicksal drin, von folgerichtiger Entwicklung. Und das ist eben in der Regel falsch. Denn es hätte oft auch ganz anders verlaufen können. Womit auch die Zukunft eine ganz andere sein könnte.

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