AABA (Teil 2)

Kreative sind nicht zum Jammern da, sondern um neuartige Lösungen zu finden. Was also tun, wenn man mit AABA konfrontiert wird?

Tragisch ist, dass es in der Regel an der “Formulierung” liegt. Neue Ideen, wenn auch nichtsprachlich gewonnen, müssen formuliert werden, um für andere zugänglich zu werden. Und diese Formulierung ist oft die sprachliche Struktur der alten Lösung. Insbesondere die neue Sinnstruktur ist oft sprachlich nicht fassbar, ein neues “Zeitgefühl” nur „online“ erlebbar, jegliche Formulierung ist schon ein müder Abklatsch. Versucht der Change-Maker die sprachliche Vermittlung, verstrickt er sich sofort in der Struktur des Gestern.

Kein Wunder, dass sich viele Kreative seit Henry Miller über die Beatnicks bis hin zu Steve Jobs vom Zen-Buddhismus angezogen fühlten. Dessen schräge Dialoge wie “Was ist der Klang einer klatschenden Hand?” sind durch logische Ableitung nicht zu ergründen. Sie beruhen auf der Erkenntnis: wer vom Wort gefangengenommen wird, verliert den Sinn.  In der Verwirrung aber kann dem Lernenden nach einiger Zeit der sinnlichen Auseinandersetzung mit diesem Paradoxon klar werden, dass die Antwort auf “einer anderen Ebene” liegt. Steve Jobs war davon fasziniert, dass Zen Intuition und Spontaneität über das intellektuelle Verstehen stellte. Seine Methode, unerwartete Kommentare abzugeben, um die geistige Schärfe der Leute zu testen und sie aus dem Gleichgewicht zu bringen, wurde dann auch “Zen-verrückter” Führungsstil getauft.

Alltagstauglicher ist da schon die Methode, das Neue in kleine Häppchen zu zerlegen,Chunking genannt. Damit ergibt sich aber ein Problem: der Change-Maker argumentiert dabei immer noch im Koordinatensystem des Alten. Nehmen wir als Beispiel für verfehlte diplomatische Bemühungen die traurige Geschichte eines Mannes vor einigen hundert Jahren, der auszog, den Menschen eine schöne runde Welt mittels Chunking zu erläutern:

“Seht” sprach er zu einer Gruppe von Wissenschaftlern, die der offensichtlichen Tatsache anhingen, die Erde sei flach, “ihr könnt euch sicher eine schöne flache Erde vorstellen (allgemeines Nicken). Und darüber noch eine flache Erde, mit eine bisschen weniger Durchmesser (immer noch allgemeines Nicken). Dies wiederholt Ihr jetzt mehrmals, immer mit ein bisschen weniger Durchmesser. Oberhalb der flachen Erde und dasselbe unterhalb. Wenn Ihr euch nun von außen diesen Stapel an Scheiben anschaut, sieht der nicht einer Kugel verblüffend ähnlich?”. Die Folge war allgemeines verneinendes Kopfschütteln.

aaba2

Was hat der diplomatische Change-Maker falschgemacht? Er spielte nach den Spielregeln der Anderen und erklärte seine neue Sicht der Welt in einem Kontext, in dem sie einfach falsch war!  Falls der Zuhörer den Quantensprung nicht in seinem Gehirn mit vollzieht, ist es völlig unmöglich, den Change-Maker zu verstehen.

Es bleibt das Primat des Handelns. Prototyping, um das Neue sinnlich erfahrbar zu machen und sonst: Einfach das Neue leben, bauen, nutzen! Plötzlich abstrakte Kunst malen, eine Tonleiter aus zwölf Tönen statt acht nutzen, die bisher geraden Räume des Universums krummbiegen, den Menschen ein iPhone in die Hand drücken oder was wollten Sie als B in die Welt bringen?

Advertisements

AABA (Teil 1)

Auch „Genies“ wie Salvador Dali müssen sich gelegentlich Prüfungen unterziehen. Schließlich will der angehende Künstler ja vom jahrhundertelang gewachsenen Wissen der alten Meister profitieren und durch diese Unterwerfung unter das Gestrige nachweisen, dass er sein Gewerbe auf vernünftiger Basis betreibt.

dali

Ziemlich langweilig, nicht? Klar, deswegen leistete sich Dali auch einen einem Kreativen angemessenen Abgang: vor der Abschlusskommission seiner Ausbildung boykottierte er die Prüfung mit der Bemerkung, dass gewöhnliche Sterbliche ihn gar nicht beurteilen könnten. Er wollte seine Maßstäbe ausschließlich selber setzen.

Und er hatte recht! Er als unkonventioneller Traumtänzer wäre zu leicht mit AABA konfrontiert worden, einer Waffe, die sich Kreativen entgegenstellt wie Luftminen im Videospiel.

Was ist AABA? Keine schwedische Popgruppe, schon eher die Grundform der meisten Jazzstandards: zweimal der Grund-Groove, dann ein kleiner Ausflug in neue Welten, um im Schluss-A wieder in vertraute Gefilde zurückzukommen. Eine strikte Form, um die Welt des Unbekannten zu erobern.

Das A im AABA der Kreativität  ist das Altvertraute: das geltende Paradigma, die geltende Meinung, was gerade als “gesunder Menschenverstand” gilt. Und eben auch die Formulierungen und Glaubenssätze, die Kreative jahrelang zu hören bekommen. Deshalb Double-A. AA. Für die Tausende von Malen, die Standardformulierungen durch die Ohrmuschel dringen. Und nach Jahren steht ein Change-Maker auf  und sagt . . . .: “B”. Die neue Spielregel, der zündende Satz nach der Bisoziation, der Glaubenssatz nach dem Zerbrechen der Mauer.

Die Chancen stehen gut, dass dem Change-Maker  bloßes Unverständnis entgegenschlagen wird. Da also davon ausgegangen wird, dass dieser “Unwissende” nur nicht verstanden hat, worum es sich dreht (obwohl der Kreative sich dies schließlich schon einige Jahre anhört), wird ihm mit großem Enthusiasmus folgendes vorgehalten: “A”.

Nicht jeder hat wie der erste Überwinder der Schallmauer ein Fanal wie den Überschallknall zur Verfügung, der etablierte Denksysteme sekundenschnell in den Köpfen aller Menschen kippt. Daher steht der gewöhnliche Change-Maker im Alltag vor dem Problem, dass sein Gegenüber ihn nicht verstehen kann. Ein neuer Glaubenssatz („Ich kann Autos für die Massen bauen“ von Henry Ford) ist eben nicht nur dieser Satz sondern ein neuer Kontext (z.B. breiter Wohlstand), ein neuer Erklärungsrahmen (wie Massenproduktion), manchmal ein neues Paradigma und neue Welten. Ein einziger neuer Glaubenssatz erfordert möglicherweise eine neue Gesellschaft  (welchen Sinn macht ein Auto in einer Gesellschaft, die keine Mobilität besitzt?).

Bis dahin hat der Change-Maker allerdings einiges an Frustration zu durchlaufen. Seine Zuhörer, zum ersten Mal mit der neuen Formulierung konfrontiert, vergleichen den Satz mit dem bekannten Erklärungsrahmen, der konventionellen Logik, dem was sie für Praxis halten. Und in diesem Bezugssystem ist der neue Satz schlicht falsch. Also erklären sie dem Unwissenden die „Wahrheit“. AABA! Und daher verweigerte Dali die Prüfung. Er wollte das “A” auf sein “B” nicht mehr hören. Ein Change-Maker gestaltet die Zukunft lieber so, dass seine neue Spielregel Teil des zukünftigen Spieles ist.

Das Herz kreativer Strukturen

Oft möchten wir wissen, was besonders kreative Strukturen genau ausmacht, woher die zaubergleiche Wirkung kommt. In der Regel, um das dann nachzumachen.

Der Attraktor-Incubator-Approach (ATICA) hat als Aufgabe, den Kern kreativer Strukturen zu durchdringen, den tieferen Aufbau kreativer Unternehmen, Städte oder Regionen, der Hotspots, der magischen Plätze.

Die Annahme ist, dass jede zutiefst kreative Struktur eine innige Verbindung aus einemInkubator und einem Attraktor ist, einer Kombination, die in Abgrenzung zum Alltäglichen die wirklich neuen Lösungen findet und darauf aufbauend für schnelle explosionsförmige Verbreitung sorgt. Zusammen stehen sie für echten Wandel, statt inkrementeller Verbesserungen oder „Basteln am Symptom“.

CreativeAttractorWithBall

Denn eine Idee ohne Anwendung und Verbreitung ist so, als wäre sie nie gedacht worden, ebenso wie eine schnelle Verbreitung ohne eine radikale neue Idee, die wirklich Lösungen verspricht, eine Modewelle oder eine große Show ist, aber nicht mehr. Echte Kreativität geht zum Kern. Sie löst offene Fragen und drängende Probleme auf eine nie dagewesene Weise.

Der Inkubator ist dabei ein Ort, an dem Verschiedenheit aufeinanderprallt, an ein Team aus konfliktfähigen Individuen große Fragen der Menschen gestellt werden. Mit einer ganz eigenen „Mission“, abgeschlossen vom aktuell angesagten Lösungskatalog, entwickeln die Teilnehmer am Inkubator the „next big thing“.

Der Attraktor kommuniziert die Lösungen nach außen, bringt Menschen dazu sie zu nutzen, mit ihnen zu arbeiten, Teil zu haben. Er zieht Talent in den Bannkreis der neuen Ansätze, bündelt Feedback und spielt die verbesserten Lösungen wieder zurück.

Die Performance einer kreativen Struktur wie eines Unternehmens und einer Region ist dann am höchsten, wenn es das Wechselspiel von Inkubator oder Inkubatoren mit einem Attraktor zu einem permanenten Sich-Neu-Erfinden gestaltet.

Eine Übersicht zu ATICA gibt es in diesem Einführungsartikel:

http://www.vreedom.com/material/TAF_2011-12-30_ATICA-Artikel_d.pdf

Meine Basisideen zur Zukunftsforschung

bildjpegIm Bereich Forecasting und Zukunftsforschung bin ich ein Rebell. Denn ich glaube höchst selten an Trends und bin zutiefst skeptisch beim Thema Forecasting. Wie auch schon andere Autoren in diesem Feld – wie Nassim Taleb oder Jim Dator – geschrieben haben, sind die interessanten Sachen gerade die, die nicht vorhersagbar sind. Daher bin ich ein Fan des alten Alan Kay-Spruchs, dass man seine Zukunft erfinden solle und nicht vorhersagen.

Aber, wieso kann man eigentlich nicht forecasten? Es gibt doch so viele schöne Methoden, Trendforscher, tolle Statistik … Im Kern, weil wir zu linear denken und die Rolle des permanenten tiefgehenden Wandels unterschätzen. Seit Jahrtausenden ändern sich beständig die Spielregeln oder wir ändern sie. Trotzdem glauben wir im alltäglichen Leben, immer im selben Spiel zu sein. Wir bekommen nicht mit, dass wir uns selbst, unsere Unternehmen oder unsere Gesellschaft die ganze Zeit neu erfinden. Und so liegt der Glaube an Kreativität und Innovation im Herzen meines Ansatzes, mit der Zukunft umzugehen.

Wenn wir nicht forecasten können, treten zwei Vorgehensweisen in den Vordergrund:

  • Wilde, ungewöhnliche Zukünfte zu erfinden, sich die davon heraussuchen, die uns besonders gefallen und Aktionen zu starten, die das Eintreten dieser Zukünfte wahrscheinlicher machen
  • Robuste Strategien entwerfen, das heißt Strategien, die in vielen verschiedenen Varianten von Zukunft funktionieren. Das ist bedeutend leichter, wenn wir Vielfalt und verschiedene Sichtweisen in unsere Diskussionen integrieren, eben wie es in guten Szenario-Workshops geschieht. Zusätzlich hilft es, Menschen aus verschiedenen Gebieten, Ländern und Gedankenschulen zu verbinden.

Und das bringt uns zur digitalen Welt. Denn für mich ist die Digitalisierung einer der wesentlichen Treiber, mit dem Potential Vielfalt zu verknüpfen und Kommunikation, Lernen und Wandel zu beschleunigen. Mein eigenes Arbeitsfeld liegt dementsprechend auch an der Schnittstelle von Innovation, Digitalen Medien und der Zukunft.

Auch meine Medienproduktionen, wie die Podcasts von “Das Abenteuer Zukunft handeln davon. Da wird nicht so sehr von Trends geredet (das machen andere schon zuviel), sondern es wird über neue Ideen nachgedacht, über Strukturbrüche, Weak Signals, neue Kontinente, die es zu entdecken gilt. Dort gilt es, sich frei für ungewöhnliche Gedanken zu fühlen, vom Unbekannten angezogen zu werden, gespannt zu sein auf Experimente mit neuen Möglichkeiten. Ich habe Sendungen über die Zukunft der Ernährung, über Materialismus, über Sex und über das Arbeitsleben der Zukunft produziert, dabei Methoden aus der Zukunftsforschung wie Delphi, S-Kurven oder Kondratieff-Zyklen vorgestellt. Dabei wurde auf eine etwas andere Art über Dinge wir Doping, das Altern oder Glück gesprochen und neue Wörter wie Patchworkleben und Cyberdropout geprägt. Alles basierend auf der Idee, dass wir selbst die Zukunft erfinden und das jedermann die passenden Werkzeuge aus der Zukunftsforschung für sein eigenes Leben einsetzen kann.

“Das Abenteuer Zukunft” startete als Podcast 2006 mit diesen Ideen als Grundlage. Es entwickelte sich schnell zum führenden deutschsprachigen Podcast zu Zukunftsthemen und führte zu zahlreichen Speaker-Engagements. Als einer der Pioniere im Bereich Podcasting konnte ich dann die Methoden und Technologien aus den Bereichen Social Media, Enterprise 2.0 und Pod-/ Videocasting bei zahlreichen Unternehmen einbringen. Mit Partnern implementierte ich Communities, Mobile-Learning-Plattformen, E-Learning-Universitäten und neue Verfahren, um Wissen zu teilen und Best Practices zu verbreiten. Fünf Jahre später startete auch eine englischsprachige Variante der Podcasts.

Mein anderes Feld sind Speakertätigkeiten und Zukunftsworkshops, bei denen es das Ziel ist, dass Menschen Dinge auf eine neue Weise betrachten, Leute im Guten ein wenig zu schütteln, um neue Wege zu finden oder Begeisterung für die Möglichkeiten der Zukunft zu wecken. Egal ob im Business, in der Politik oder im persönlichen Bereich.